Als die Ami 1945 auf den Spitalhof kamen.

Aus den Kindheitserinnerungen von Herrn Hans Kalb, Spitalhof 3

Von Prof. Dr. Hermann Rusam

Am 16. April 1945 hatten um die Mittagszeit Panzerspitzen des 179. Infanterie-Regiments der 45. US-Infanteriedivision beim Kalbsgarten in Erlenstegen den Ortsrand von Nürnberg erreicht. Unmittelbar darauf kam es zu einem schrecklichen Vorfall: Die 13jährige Margarete Kalb vom Spitalhof wurde vor der Gastwirtschaft Zum goldenen Stern in Erlenstegen von einem amerikanischen Soldaten angeschossen und blieb schwer verletzt auf der Straße liegen. Am nächsten Tag stießen die Amerikaner in Richtung auf die Innenstadt weiter vor. Dabei besetzten sie auch den Spitalhof.

Vor der Tür der Gastwirtschaft Zum goldenen Stern (Erlenstegenstraße 95) lag Reta Kalb, die von einem Gewehrschuß eines amerikanischen Soldaten in den Rücken getroffen worden war, etwa eine Stunde lang ohne jede ärztliche Hilfe (Aufnahme vom Verfasser, 22.10.1970).

Die amerikanischen Soldaten kamen wohl durch das westliche Hoftor in den Spitalhof hereingefahren. Überall war weithin sichtbar weiße Beflaggung ausgehängt. Dennoch eröffneten sie sogleich das Feuer auf eine auf der gegenüberliegenden Hofseite stehende Wellblechgarage. Sie wollten so sichergehen, daß sich dort keine gegnerischen Kräfte verborgen hielten. Die Einschußstellen sind noch heute zu sehen.

Später fuhr ein amerikanischer Panzer von Norden her mitten in die große Scheune an der Gervinusstraße. Wahrscheinlich hat der Panzer mit einem ersten Schuß das südliche Scheunentor zerschmettert. Einige weitere Schüsse feuerte er dann auf deutsche Abwehrstellungen am Schmausenbuck ab (laut eines freundlichen Hinweises von Herrn Friedrich Braun, einem der besten Kenner der Kriegsereignisse beim Endkampf um Nürnberg). Noch Jahre später lagen die Kartuschen in dem zum Anwesen gehörenden Hofweiher. Eines Tages haben Buntmetallsammlern sie dann mitgenommen.


Bei der Besetzung des Spitalhofs durch die amerikanischen Truppen fuhr ein Panzer (wahrscheinlich war es ein Sherman-Panzer, wie ihn das Bild zeigt) in die Scheune an der Gervinusstraße. Er zerschoß zunächst das südliche Scheunentor und feuerte dann auf deutsche Abwehrstellungen am Schmausenbuck (Bildwiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Herrn Friedrich Braun, entnommen aus seinem Buch: Der 2. Weltkrieg in den nordöstlichen Vororten von Nürnberg, Nürnberg 1999, S. 327).

Wo sich zur Zeit zwischen Spitalhof und Ewaldstraße eine freie Fläche ausdehnt, stand früher eine große Scheune. Es gab dort auch mehrere sandsteingewölbte Keller, die wegen des hohen Grundwasserstandes nur halb in den Boden eingetieft waren. Da die Deutschen glaubten, die Amerikaner hätten sich bereits im Spitalhof festgesetzt, schoß die deutsche Wehrmacht vom Bereich Theresienkrankenhaus (Mommsenstraße) aus diese Scheune in Brand.

Als Herr Schumann, der frühere Eigentümer der Gastwirtschaft Spitalhof, die Scheune brennen sah, wollte er herbeieilen, um beim Löschen mitzuhelfen. In dem Augenblick aber, als er die schmale Tür zwischen Kühlhaus (Schlachthaus) und Gaststättengebäude queren wollte, wurde vom Platnersberg aus ein Schuß abgegeben, der durch die geschlossene Türe drang und Herrn Schumann tödlich traf. Noch in späteren Jahren konnte man den Durchschuß an der Türe sehen. Einige Leute, die sich im Keller des Anwesens Gervinusstraße 3 befanden, wollten ebenfalls zum Löschen kommen. Sie wurden aber von verwundeten Amerikanern mit dem Hinweis davon abgehalten, es werde draußen noch geschossen. Die Grundmauerreste der Scheune und die alten Keller wurden nach Verkauf des Grundstücks an Herrn Dietmar (Bilderfürst aus der Breiten Gasse in Nürnberg) im Sommer 2002 abgebrochen.

Als schließlich die Kampfhandlungen im Umkreis des Spitalhofs beendet waren, durften die etwa 10 bis 12 Leute aus der nächsten Nachbarschaft, die sich in den provisorisch abgestützten Luftschutzraum des Anwesens Gervinusstraße 3 geflüchtet hatten, wieder in ihre Häuser zurückkehren. Die Familie Kalb mußte sich jedoch zunächst mit dem ehemaligen Schlafzimmer neben dem Pferde- und Kuhstall begnügen; denn im Wohnzimmer hatten die Amerikaner vorübergehend eine Art Befehlszentrale eingerichtet. Als die Soldaten dann nach ein oder zwei Tagen stadteinwärts weiterzogen, blieben überall Fernmeldekabel liegen. Später leisteten sie zum Zusammenschnüren von Reißigbündeln oder zum Spannen der Drähte zwischen den Holzstäben gute Dienste.

Im Wohnzimmer stand damals ein großer Holztisch, in dessen Schublade ein alter Raiffeisenkalender lag. Nach dem Abzug der Amerikaner entdeckte man auf einer für Notizen gedachten Seite die von einem GI im Zorn hingeschmierten Worte: Nuts to Hitler and his gang. Die derb-ordinären Worte lassen sich etwa übersetzen mit: Scheiß auf Hitler und seine Bande.

Während der Besetzung des Spitalhofs hatte einer der amerikanischen Soldaten eine Handgranate vor das Bauernhaus Spitalhof 3 geworfen, ohne daß dies zunächst von den Hausbewohner bemerkt worden wäre. Sie zündete aber zum Glück nicht. Ein älterer Nachbar fand sie schließlich und schleuderte sie in den damals noch Wasser führenden Weiher. Jahre später entdeckte der inzwischen etwa acht Jahren alt gewordene Sohn Hans Kalb dieses eigenartige Objekt und hielt es für die Kopfschraube einer Maschine. Er nahm den Gegenstand in die Hand und bog einen an der Seite befindlichen Blechstreifen hin und her. Da bemerkte er einen rundlichen Abzugsring. Schlagartig wurde ihm bewußt, daß er eine Handgranate in der Hand hielt. Schnell schleuderte er sie weit von sich weg. Der Vater Fritz Kalb ließ die Handgranate dann durch einen Sprengmeister der Polizei abholen.

Eine weitere Handgranate hatten die Amerikaner in der Dreschmaschine der Bauernfamilie Kalb befestigt. In übler Absicht gingen die Soldaten wohl davon aus, die Granate würde explodieren, sobald man die Dreschmaschine in Betrieb setzte. Es war ein großes Glück, daß Fritz Kalb sich zur Gewohnheit gemacht hatte, vor dem Betätigen jede Maschine erst mit der Hand auf ihre Funktionsfähigkeit hin zu überprüfen. So geschah es auch, als nach der Ernte im Herbst 1945 die Maschine zum Dreschen benötigt wurde. Herr Kalb spürte einen Widerstand und entdeckte auf diese Weise die Handgranate. Wahrscheinlich wurde auch dieser Sprengkörper vom Sprengmeister abgeholt.

Wie üblich durchsuchten die Amerikaner beim Einmarsch das ganze Haus nach Hakenkreuzfahnen, Wertsachen, Waffen usw. Alle Schränke brachen sie rücksichtslos auf. Dabei entdeckten sie auch den alten Militärsäbel des Vaters aus dem Ersten Weltkrieg. Wütend rammten sie diesen in die Haustüre. Um nicht weitere Aggressionen hervorzurufen, zog Fritz Kalb heimlich den Säbel heraus und warf ihn in den Hausbrunnen. Bereits vorher hatte er eine ebenfalls aus dem Ersten Weltkrieg stammende Mauser-08-Pistole in den Brunnen geworfen.

Die Aufnahme von 1911 zeigt das Anwesen Erlenstegenstraße 118 im oberen Dorf, rechts neben dem noch heute erhaltenen Einfahrtstor. Hier wohnte der Fuhrwerker-Kalb, dem Reta die Mitteilung überbringen sollte, daß ihr Vater wegen einer plötzlichen Dienstverpflichtung nicht mehr zu der versprochenen Hausschlachtung kommen könne (Stadtarchiv Nürnberg, A 59/I).

Um ihre Verpflegung durch Frischfleisch aufzubessern, holten die amerikanischen Soldaten eine schwarzbunte Kuh aus dem Stall und schlachteten sie. Bald darauf wollten sie eine zweite Kuh holen. Fritz Kalb hatte sich aber zum Glück vorher bei der amerikanischen Kommandantur einen Bescheid geben lassen, der das Requirieren verbot. Hans Kalb, der damals erst vier Jahre alt war, kann sich noch gut erinnern, wie die Amerikaner im damals üblichen Williams-Jeep in den Hof fuhren, dann aber auf Grund des papers unverrichteter Dinge abziehen mußten.

Während des Krieges hatten feindliche Flugzeuge zusätzliche Benzintanks, die sie bei den Angriffen mit sich führten, nach der Entleerung abgeworfen. Einer dieser Zusatztanks landete auf dem Gelände des Spitalhofs. Einem älterer Vetter von Hans Kalb war es gelungen, mit Hammer und Meißel oben eine rechteckige Öffnung in den Benzintank zu stanzen. Die Kinder konnten nun den Tank als eine Art Kahn benutzen, mit dem sie auf dem Hofweiher herumpaddelten. Später bauten sie – freilich ohne großen Erfolg – den Tank zu einem Fahrzeug mit Achsen und Rädern für das Seifenkistenrennen um. Schließlich wurde der ehemalige Ersatztank von Metallsammlern mitgenommen, und so verschwanden allmählich die meisten sichtbaren Erinnerungen an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges.

Kartenskizze des Spitalhofs mit den drei Bauernhöfen Spitalhof 1, 2, 3 a/b und den weiteren im Text genannten Objekten.

Category : Geschichte

2 Kommentare → “Als die Ami 1945 auf den Spitalhof kamen.”


  1. Schulte, Karl Jochen
    4 Jahrs her

    Sehr geehrter Herr Braun,
    für eine Chronik zum 850-jährigen Bestehen des Ortes Sundern-Amecke am Sorpesee, das liegt hier im Hochsauerland, benötige ich ein Bild von einem Sherman -Panzer. In einem Zangenangriff wurde der Ort von Shermans eingenommen, wobei es heftige Kampfhandlungen gab. Besteht die Möglichkeit, dass ich Ihr Bild von Seite 327 in die Chronik einbringen kann? Ihc wäre Ihnen sher dankbar.
    Mit freundlichen Grüßen
    Karl Jochen Schulte
    Wintrop 6a
    59846 Sundern
    02933/922 166


  2. Uteschil
    4 Jahrs her

    Sehr geehrter Herr Schulte,

    entschuldigen Sie bitte, dass ich erst so verspätet antworte. Ich selbst kenne Herrn Braun nicht und müsste über Dritte Kontakt zu ihm aufnehmen. Das könnt leider etwas dauern. Wie Sie ggf. gelesen haben, ist unser Projekt Kita derzeit im Anlaufen, was meine Aufmerksamkeit sehr stark beansprucht. Also bitte etwas Geduld. Besten Dank.

    Viele Grüße

    Winhard M. Uteschil


Hinterlassen Sie eine Antwort